Lebensmittel und Verpackungen

Die öffentliche Diskussion mag anderes nahe legen, Fakt aber ist: Lebensmitteln werden derzeit noch keine vollständig künstlich erzeugten Nanopartikel zugesetzt. Allerdings gibt es unter den Lebensmittelzusatzstoffen einige viel diskutierte Grenzfälle. Lebensmittelverpackungen sind hingegen ganz klar ein Feld, in das nanotechnologische Anwendungen (oder: Nanopartikel) bereits Einzug gehalten haben.

Noch kein Nano-Food

Würden Lebensmitteln Nanopartikel zugesetzt, um ihnen neue, bisher nicht gekannte Eigenschaften zu verleihen, so würden diese Lebensmittel als „Novel Food“ gelten. Sie unterlägen damit der Verordnung des Europäischen Parlamentes und des Rates über neuartige Lebensmittel und neuartige Lebensmittelzutaten ("Novel Food-Verordnung"). Diese neuartigen Lebensmittel müssen eigens zugelassen und ihre Inhaltsstoffe veröffentlicht werden. Verbraucherinnen und Verbraucher müssen in angemessener Weise über die Art des Lebensmittels bzw. der Lebensmittelzutat informiert werden. Bisher ist auf dem Europäischen Markt kein einziges Nano-Lebensmittel zugelassen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand liegen auch keine entsprechenden Anträge vor.

Die stellvertretende Leiterin der amtlichen Lebensmittelüberwachung Baden-Württemberg, Ministerialrätin Birgit Bienzle, erläutert im Interview den aktuellen Stand.

Zusatzstoffe - zugelassen und neu bewertet

Für alle Lebensmittelzusatzstoffe gilt: Sie durchlaufen ein aufwändiges Zulassungsverfahren, in dessen Rahmen unter anderem die gesundheitliche Unbedenklichkeit überprüft wird. Die Zulassung bezieht sich dabei auf einen Stoff in eindeutig definierter Zusammensetzung und Reinheit für eine bestimmte Funktion und für die Anwendung in bestimmten Lebensmitteln. Soll ein solcher Stoff anders hergestellt oder eingesetzt werden, muss er erneut zugelassen werden. Das heißt: Soll ein solcher Stoff neuerdings als Nanopartikel eingesetzt werden, muss er das Zulassungsverfahren ein weiteres Mal durchlaufen. Ebenso wie andere neue Zusatzstoffe – ob nanogroß oder nicht. Laut Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) gibt es derzeit noch keine Anträge für absichtlich als Nanomaterialien hergestellte Stoffe dieser Art.

Titandioxid; Bild: BASF Pressefoto

Alle Lebensmittelzusatzstoffe werden regelmäßig neu bewertet. Bei einigen wird im Zuge dessen auch überprüft, ob sie als technisch hergestellte Nanomaterialien anzusehen sind. Das wäre der Fall, wenn mehr als Hälfte ihrer Einzelpartikel bzw. ihrer Zusammenballungen in mindestens einer Dimension zwischen 1 und 100 nm groß wären. In diesen Fällen wird die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Vorschläge dafür machen, wie mit dieser Besonderheit umzugehen ist, ob also beispielsweise besondere Anforderungen an die Herstellung, Zusammensetzung oder Anwendung gestellt werden sollten. Sie müssten darüber hinaus in der Zutatenliste gekennzeichnet werden. Die folgenden Lebensmittelzusatzstoffe könnten als technisch hergestellte Nanomaterialien gelten:


Für Siliciumdioxid (E 551) ist bislang klar, dass es nanostrukturierte Partikel enthält. Ob es als Nanomaterial kennzeichnungspflichtig wird, ist dagegen noch offen. Es gibt Hinweise aus Tierversuchen, dass es die Immunzellen des Darmes stören könnte. Für Titandioxid (E 171) zeigten Tierversuche,dass Nano-Titandioxid, wie es anteilig auch in E 171 zu finden ist, Darmentzündungen verschlimmern kann. Sie empfehlen Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Titandioxid in Lebensmitteln zu meiden.

Im Falle von Pflanzenkohle (E 153) und Calciumcarbonat (E 170) empfiehlt die EFSA, in den Anforderungen an Herstellung und Beschaffenheit der Zusatzstoffe auch die zulässige Partikelgröße festzuschreiben.

Mehr Informationen über die verschiedenen Lebensmittelzusatzstoffe finden Sie in der Datenbank www.zusatzstoffe-online.de.

Nanokapseln als Transporthilfen

Schon länger spielen so genannte Nanokapseln eine wichtige Rolle in der Lebensmittelindustrie. Sie sollen Aromen stabil halten oder Vitamine und Mineralstoffe geschützt bis in den Darm transportieren. Diese sogenannten Micellen, Liposomen und Vesikeln werden aus Stoffen natürlichen Ursprungs erzeugt und haben in ihrer winzigen Größe dieselbe Wirkung wie in Mikrogröße. In Lebensmitteln bestehen sie meist aus dem Trägerstoff Beta-Cyclodextrin (E 459) sowie aus Polysorbaten oder Lecithin.

Süßes mit Silber

Stark in der Diskussion steht immer wieder Silber. Es ist auf dem europäischen Markt als E 174 ausschließlich für die Überzüge von Dragees und Süßwaren sowie für Liköre zugelassen. Die Zulassung bezieht sich auf Silberpulver mit einer bestimmten Partikelgröße. Weil es im Verdacht steht, gesundheitsgefährdend zu sein, darf weder Nanosilber für Lebensmittel genutzt werden noch darf Silber anderen Lebensmitteln zugesetzt werden. In den USA ist das Beifügen von Silber allerdings erlaubt. In Europa wird derzeit überprüft, ob E 174 zu erheblichen Teilen aus Nanopartikeln besteht.

Lebensmittelverpackungen

Eine große Bedeutung haben die Nanotechnologien für die Verpackung von Lebensmitteln. Nanopartikel können dabei Teil von Folien, Frischhalteboxen, Kunststofflaschen oder Kunststoffverpackungen sein oder als Beschichtung aufgetragen werden. Ziel ist es etwa, Lebensmittel länger frisch zu halten, vor UV-Licht zu schützen, die Bildung unerwünschter Keime zu unterbinden oder zu verhindern, dass sich im Inneren der Verpackung Schwitzwasser bildet.

Die Ideen sind vielfältig, die Visionen groß: Beschichtungen mit Nano-Silber sollen antibakteriell wirken, andere Teilchen unterbinden den Gasaustausch, so dass die Blubberbläschen in der Brause bleiben. Nano-Sensoren könnten künftig signalisieren, ob Temperatur, Feuchtigkeitsgrad oder Geruch noch stimmen oder ob das Produkt schon verdorben ist. Den Produktentwicklern sind dabei allerdings Grenzen gesetzt: Eine europäische Verordnung (VO(EG) 10/2011) legt fest, aus welchen Materialien Kunststoffbehältnisse für Lebensmittel hergestellt werden dürfen. Was nicht auf dieser Liste steht, darf in Lebensmittelverpackungen und -behälter nicht eingesetzt werden. Demnach dürfen derzeit drei Nanomaterialien zum Einsatz kommen: Titannitrid, Siliciumdioxid (Kieselgel) und Carbon black (Industrieruß).

Nanotone (englisch: Nanoclays) sind für die Verpackungsindustrie als Gasbarrieren ebenfalls sehr interessant. Sie sind derzeit nicht in die Liste der zulässigen Materialien aufgenommen, dürfen also eigentlich nicht eingesetzt werden. Das BfR hat aber Hinweise darauf, dass sie gerade für kohlensäurehaltige Getränke dennoch im Einsatz sind.

Wissenschaftliche Untersuchungen fehlen

Am häufigsten sind Verpackungen mit Siliziumdioxid beschichtet, im außereuropäischen Ausland kommt wohl auch Nano-Silber zum Einsatz. Titannitrid, Carbon Black und Nanoclays werden dagegen fest in die Kunststoffschichten eingefügt. Es gilt als unwahrscheinlich, dass sie sich lösen und auf die Lebensmittel übergehen. Bislang gelten laut einem Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nur Titandioxid, Titannitrid und Carbon black als sicher für bestimmte Anwendungsbereiche. Für alle weiteren Stoffe und Anwendungen muss es nach Ansicht der Behörde Einzelfallprüfungen geben.

In Bezug auf Silber warnen Forscher vor einem allzu bedenkenlosen Einsatz des Metalls - ob nanoskalig oder in größerer Partikelstärke. Sie befürchten, dass Krankheitserreger gegen die keimtötende Wirkung resistent werden könnten.

Auch mit Blick auf die Umwelt wirft der Einsatz von Nanomaterialien in Lebensmitteln und Verpackungen Fragen auf. Der BUND erinnert im Interview dringend ans Vorsorgeprinzip.



(Stand: Juli 2017)



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Kommentare (2)

Antwort hier 29.11.2013 09:55
Hallo,

Titandioxid ist zwar als Lebensmittelfarbstoff zugelassen. Allerdings nicht in Form von Nanopartikeln. Mehr Fragen und Antworten finden Sie hier: http://www.nanoportal-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Nano_Dialog/Sie+fragen+_+wir+antworten.html

Nano in Salatdressing? 14.11.2012 14:34
Hallo, ich habe heute in einer dapd-Pressemeldung gelesen, dass es Salatdressings gibt, die Nanoteilchen aus Titandioxid enthalten. Auf Ihrer Seite schreiben Sie, dass in Lebensmitteln (noch) keine Nanotechnologie enthalten ist. Was ist wahr?
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