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Lebensmittel

Die öffentliche Diskussion mag anderes nahe legen, Fakt aber ist: Lebensmitteln werden derzeit noch keine technisch hergestellten Nanopartikel zugesetzt. Allerdings gibt es unter den Lebensmittelzusatzstoffen einige viel diskutierte Grenzfälle. Wer Nanomaterialien in Lebensmitteln einsetzen will, bewegt sich in einem von vier Szenarien:

  1. Die Nano-Zutat ist völlig neu.
  2. Die Zutat ist etabliert, soll aber nun in Nanoform eingesetzt werden.
  3. Ein Nanomaterial soll als neuer Zusatzstoff eingesetzt werden.
  4. Ein Zusatzstoff ist etabliert, soll aber nun in Nanoform eingesetzt werden.

Einen Grenzbereich bilden die Nano-Kapseln, die als Transporthilfen und Trägerstoffe eingesetzt werden.

 

Fall 1 und 2: Noch keine Nano-Zutaten

Würde Lebensmitteln technisch hergestellte Nanopartikel zugesetzt, die es bisher nicht als Lebensmittelzutat gab, dem Produkt neue, bisher nicht gekannte Eigenschaften zu verleihen, so würden diese Lebensmittel als „Novel Food“ gelten. Sie unterlägen damit der Verordnung des Europäischen Parlamentes und des Rates über neuartige Lebensmittel und neuartige Lebensmittelzutaten ("Novel Food-Verordnung"). Diese neuartigen Lebensmittel müssen sehr genau beschrieben, ihre Unbedenklichkeit nachgewiesenund ihre Inhaltsstoffe veröffentlicht werden. Die neuartigen Zutaten müssten zudem auf der Verpackung gekennzeichnet werden, um Verbraucherinnen und Verbraucher zu informieren. Bisher ist auf dem Europäischen Markt kein einziges Nano-Lebensmittel zugelassen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand liegen auch keine entsprechenden Anträge vor.

Mineralstoffe und Vitamine, die schon für die Anreicherung von Lebensmitteln zugelassen sind, könnten theoretisch auch in Nanoform eingesetzt werden. Zum Beispiel, um dafür zu sorgen, dass sie leichter aufgenommen werden. In diesem Fall würde sie aber als neuartige Zutat gelten und müsste das gleiche Zulassungsverfahren durchlaufen, wie eine bisher völlig unbekannte Zutat. Auch in diesem Fall würde zudem eine Kennzeichnungspflicht gelten. Bisher wird keine etablierte Zutat in Nanoform verwendet; entsprechende Anträge liegen nicht vor.

Die stellvertretende Leiterin der amtlichen Lebensmittelüberwachung Baden-Württemberg, Ministerialrätin Birgit Bienzle, erläutert im Interview die Hintergründe.
 

Fall  3 und 4: Zusatzstoffe - zugelassen und neu bewertet

Für alle Lebensmittelzusatzstoffe gilt: Sie durchlaufen ein aufwändiges Zulassungsverfahren, in dessen Rahmen unter anderem die gesundheitliche Unbedenklichkeit überprüft wird. Die Zulassung bezieht sich dabei auf einen Stoff in eindeutig definierter Zusammensetzung und Reinheit für eine bestimmte Funktion und für die Anwendung in bestimmten Lebensmitteln. Das gilt für alle Stoffe, die als Zusatzstoffe eingesetzt werden sollen. Würde ein Hersteller einen Nano-Zusatzstoff verwenden wollen, müsste er lediglich zusätzlich nano-spezifische Daten beibringen.

Soll ein bereits zugelassener Zusatzstoff anders hergestellt oder eingesetzt werden, muss er erneut zugelassen werden. Wer also einen zugelassenen Zusatzstoff nun in Nanoform einsetzen will, muss das Zulassungsverfahren ein weiteres Mal durchlaufen. Der Stoff bekäme eine neue E-Nummer und müsste darüber hinaus in der Zutatenliste mit dem Hinweis „(nano)“ versehen werden. Bisher gibt es keine Anträge für  absichtlich als Nanomaterialien hergestellte Stoffe dieser Art.

Alle Lebensmittelzusatzstoffe werden regelmäßig neu bewertet. Bei einigen wird im Zuge dessen auch überprüft, ob sie als technisch hergestellte Nanomaterialien anzusehen sind. Denn dann müssten sie in der Zutatenliste mit dem Hinweis „(nano)“ versehen werden. Das wäre der Fall, wenn mehr als Hälfte ihrer Einzelpartikel bzw. ihrer Zusammenballungen in mindestens einer Dimension zwischen 1 und 100 nm groß wären. In diesen Fällen würde die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit außerdem Vorschläge dafür machen, wie mit dieser Besonderheit umzugehen ist, ob also beispielsweise besondere Anforderungen an die Herstellung, Zusammensetzung oder Anwendung gestellt werden sollten. Von den über 300 zugelassenen Lebensmittelzusatzstoffen der Europäischen Union stellt sich die „Nano-Frage“ derzeit für
•    Pflanzenkohle (E 153)
•    Calciumcarbonat (E 170)
•    Titandioxid (E 171)
•    Eisenoxide und Eisenhydroxide (E 172)
•    Silber (E 174)
•    Gold (E 175)
•    Siliciumdioxid (E 551)
•    Calciumsilicat (E 552)
•    Magnesiumsilicat (E 553a)
•    Talkum (E 553b)
 

Im Grenzbereich: Nanokapseln als Transporthilfen

Schon länger spielen so genannte Nanokapseln (auch: Nano-Käfige, Nano-Carrier) eine wichtige Rolle in der Lebensmittelindustrie. Sie sollen Aromen stabil halten oder Vitamine und Mineralstoffe geschützt bis in den Darm transportieren. Diese Micellen oder Liposomen werden aus Stoffen natürlichen Ursprungs erzeugt und haben in ihrer winzigen Größe dieselbe Wirkung wie in Mikrogröße. In Lebensmitteln bestehen sie meist aus dem Trägerstoff Beta-Cyclodextrin (E 459) sowie aus Polysorbaten (E 432 – 436) oder Lecithin (E 322). Weil sie keine festen Körper sind und sich im Körper auflösen, gelten diese Nano-Käfige rechtlich nicht als Nanomaterialien und müssen daher auch nicht mit dem Hinweis „(nano)“ gekennzeichnet werden.

Mehr über Nanokapseln erläutert Dr. Ralf Greiner im Interview.  

Der Einsatz von Nanomaterialien in Lebensmitteln und Verpackungen wirft auch Umwelt-Fragen auf. Der BUND erinnert im Interview dringend ans Vorsorgeprinzip.
 

(Stand Dezember 2018)
 

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