Grundsatzfragen im Spannungsfeld zwischen Chancen und Risiken

Auch wenn wir sie nicht wahrnehmen können, sind Nanomaterialien aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Dabei gehen die Einschätzungen über die Möglichkeiten und Risiken der winzigen Teilchen weit auseinander. Neben der Forschung rund um ihre Verwendbarkeit und ihre Sicherheit stellen sich für verbrauchernahe Anwendungen zunehmend auch grundlegende Fragen nach der tatsächlichen Notwendigkeit, ethischen Grenzen und Gerechtigkeit.

Hilfreich oder gefährlich?

Die Potenziale, die Nanotechnologien für Umwelt und Gesundheit entfalten können, scheinen gewaltig zu sein. Mediziner hoffen, Medikamente zielsicherer als bisher einsetzen zu können. Nanopartikel sollen helfen, verseuchte Böden zu reinigen und den Verbrauch von Reinigungsmitteln und Energie zu senken. Auf der anderen Seite stehen Warnungen vor den unkalkulierbaren Folgen der winzigen Teilchen auf Umwelt und Gesundheit.

Risiko contra Wettbewerbsfähigkeit

Verbraucher- und Umweltschützer kritisieren immer wieder, dass ständig neue Produkte entwickelt werden, die auf Nanotechnologien basieren, obwohl die Risiken, die damit einhergehen, noch gar nicht oder nicht abschließend geklärt sind. Besonders intensiv wird das im Bereich der Lebensmittel und sonstigen verbrauchernahen Produkte diskutiert. Aus diesem Grunde fordern sie unter anderem eine Kennzeichnungs- und Zulassungspflicht.

Unternehmen und Forschungseinrichtungen dagegen warnen davor, die Freiheit der Forschung anzugreifen. Sie verweisen unter anderem auf die Hoffnung, mit Hilfe von Nanotechnologien beispielsweise künftig Krankheiten wie Krebs besiegen zu können. Durch zu strikte Einschränkungen sehen sie außerdem die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gefährdet.

Fragen nach der Notwendigkeit

Was echte Innovationen sind, darüber bestehen beim Umgang mit Nanotechnologien ebenfalls unterschiedliche Ansichten. Die Industrie betont stets den Nutzen der neuen Anwendungen vor allem für Verbraucher und Umwelt. Die entsprechenden Organisationen jedoch stellen zunehmend die Frage nach der Grenze zwischen Ertrag und Aufwand, zwischen der Notwendigkeit einer Entwicklung und ihren möglichen Risiken.

Kritisch betrachtet werden dabei vor allem Alltagsprodukte, denen mit Hilfe von Nanomaterialien ein Zusatznutzen verliehen werden soll. Während neue Therapien im Kampf gegen Krankheiten allgemein begrüßt werden, sprechen sich beispielsweise viele Wissenschaftler dagegen aus, Socken und Kühlschränke mit Nanosilber zu beschichten. Sie befürchten, dass Erreger durch die massenhafte Verwendung von Silber - ob in Nanoform oder nicht - gegen dessen desinfizierende Wirkung resistent werden könnten. Stattdessen plädieren sie dafür, sich auf einfache Hygieneregeln zu besinnen.

Mensch oder Maschine?

Daneben gibt es Ängste vor allem in Bezug auf die Nanobiotechnologien. Diese versucht unter anderem, biologische Strukturen im nanoskaligen Bereich nachzubauen. Forscher erhoffen sich hiervon therapeutische Erfolge beim Kampf gegen Krebs und andere Krankheiten. Kritiker warnen vor der Entstehung neuer, nicht zu kontrollierender Organismen. Diese Vorstellung hat bereits in die Literatur Einzug gehalten: Der US-amerikanische Autor Michael Crichton beschreibt in seinem Buch „Beute“, wie außer Kontrolle geratene Nanomaschinen ihre eigene Evolution starten und den Planeten zerstören.

Ethische Fragestellungen

Insbesondere im Bereich der medizinischen Anwendungen stellen Kritiker zunehmend auch die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit. Sie bezweifeln, dass neue medizinische Verfahren künftig allen Menschen zur Verfügung stehen, nicht nur den Bewohnern der reichen Industrieländern.

Die evangelische Kirche warnt davor, die Grenzen zwischen belebter und unbelebter Natur zu verwischen. Lebewesen würden zu Maschinen herunterdefiniert beziehungsweise Maschinen zu Menschen erhoben. Sie fordert, dass vor allem in der Medizin der Einsatz von Nanotechnologien von einer Ethikkommission begleitet werden sollte.