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Chemikalienrecht -  Noch lückenhaft

Die Europäische Chemikalienverordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals – Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe; EG VO 1907/2006) verpflichtet seit dem Jahr 2009 alle Importeure und Hersteller dazu, die in Europa gehandelten Chemikalien einem Registrierungs- und Prüfverfahren zu unterziehen.

Die Stoffe werden genau beschrieben, auf ihre Gefährlichkeit untersucht, entsprechend klassifiziert und unter Umständen in ihrer Verwendung beschränkt. Ziel von REACH ist es,

  • auf diese Weise genau zu wissen, welche Chemikalien in welchen Formen im Verkehr sind,
  • Menschen und Umwelt vor möglichen negativen Auswirkungen von Chemikalien zu schützen,
  • besonders problematische Stoffe zu erkennen und durch weniger gefährliche zu ersetzen,
  • eine verlässliche Grundlage für den Handel und den Einsatz von Chemikalien in Europa zu schaffen.
Die Nano-Lücke

Die Regeln von REACH gelten zwar für alle Chemikalien, also theoretisch auch die Nanomaterialien. Dennoch ist das Regelwerk bisher für diese Stoffgruppe weitestgehend blind. Denn obwohl die Nanoform bekannter Chemikalien zum Teil deutlich andere Eigenschaften und Wirkungen zeigen, als ihre makroskaligen Varianten, müssen sie bislang nicht eigens registriert und geprüft werden. Zum Beispiel Silber: Chemisch, physikalisch und toxikologisch unterscheidet sich Nano-Silber deutlich von elementarem Silber. Es hat eine größere Oberflächenspannung und -ladung, weist andere optische Eigenschaften und eine wesentlich stärkere desinfizierende Wirkung als das makroskalige Metall. Vor dem europäischen Chemikalienrecht wird Nanosilber jedoch einfach wie Silber behandelt. Das ganze REACH-Verfahren müssen zudem nur Neustoffe durchlaufen. Nanomaterialien fallen jedoch meist nicht in diese Gruppe, weil ihre Makro-Entsprechungen bereits seit Jahrzehnten am Markt sind. Darüber hinaus werden viele Nanomaterialien schon deshalb nicht von REACH "gesehen", weil sie in sehr geringen Mengen hergestellt und gehandelt werden. Bislang mussten aber nur solche Stoffe registriert werden, die in einer Menge von einer Tonne oder mehr produziert oder importiert werden.

Das Ergebnis dieser "Nano-Blindheit" ist, dass bisher viel zu wenig darüber bekannt ist, welche Nanomaterialien in welcher Form und in welchen Mengen tatsächlich im Verkehr sind. Auch eine systematische Risikobewertung findet so nicht statt. Zwar sind Nanomaterialien nicht automatisch gefährlicher als andere. Sie gehören also nicht per se zur Gruppe der besonders besorgniserregenden Stoffe (SVHC), für die das Chemikalienrecht besondere Auflagen macht. Andererseits sind die bisher vorgeschriebenen Tests nach REACH auch nicht dazu geeignet, Nanomaterialien aussagekräftig zu bewerten.

REACH wird an Nanomaterialien angepasst

Mit der Entscheidung des REACH-Regelungsausschusses der Europäischen Kommission vom April 2018 wird sich das jedoch ab 2020 ändern. In Anhang VI der REACH-Verordnung wird es eine rechtlich verbindliche Definition des Begriffs "Nanomaterial" geben und die anderen Anhänge (I sowie III – XII) werden für Nanomaterialien präzisiert.

Ab Januar 2020 müssen dann Hersteller, Importeure und nachgeschalteten Anwender von Chemikalien der Europäischen Chemikalienagentur ECHA schon bei der Registrierung von Stoffen detaillierte Informationen darüber geben, ob es sich um Nanoformen oder eigenständige Nanomaterialien handelt. Auf diese Weise sollen Basis-Datensätze entstehen, die die Nanomaterialien eindeutig charakterisieren. Die Registranten von Nanomaterialen werden zudem gefordert sein, weitergehende toxikologische und ökotoxikologische Daten zu diesen Stoffen vorzulegen. Die Vorgaben, für die die dazu zulässigen Prüfmethoden, werden an die Besonderheiten von Nanomaterialien angepasst.


(Mai 2018)

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