Innovation mit Bürgerbeteiligung. Eine Bilanz.

Wie können Wissenschaft, Technik und die gesellschaftlichen Anliegen so verbunden werden, dass Innovationen aus den Nanotechnologien von Anfang an verantwortlich vonstattengehen? Die Europäische Kommission setzt dafür unter anderem auf Bürgerbeteiligung. NanoDiode probierte von 2013 bis 2016 aus, wie das funktionieren könnte. Über die Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Projekt sprachen wir im spätsommerlichen Berlin mit Dr. Antje Grobe, die das Projekt in Deutschland koordinierte.
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Nanoportal-BW.de:     Warum sollen Innovationsprozesse zukünftig vermehrt gesellschaftliche Anliegen berücksichtigen?
Dr. Grobe:     Üblicherweise werden Innovationen in den Entwicklungsabteilungen der Unternehmen oder in Forschungslaboren entwickelt und anschließend geht man damit auf den Markt. In der Vergangenheit gab es einige Technologien wie z.B. die Gentechnologie oder anfangs eben auch die Nanotechnologien, bei denen sich die Unternehmen einer kritischen Öffentlichkeit stellen mussten. In der Regel muss dann auf Ängste reagiert werden oder die Verbraucherinnen und Verbraucher stellen sehr kritisch die Sinnfrage. Nimmt die öffentliche Debatte zu, kann das deutliche Auswirkungen auf den Markt haben. Die Mediendebatte verunsichert die Verbraucher, die Gesetzgeber neigen zu verstärkter Regulierung. Am Beispiel der Nanotechnologien kann man gerade sehr gut sehen, dass vor allen die anwendenden Unternehmen Innovationen gar nicht mehr aufgreifen wollen, weil sie fürchten, dass einen negative Berichterstattung in den Medien ihnen schaden könnte. Für die Unternehmen, die viel in eine Produktidee investiert haben ist das der Worst-Case.

Dr. Antje Grobe leitet die interdisziplinäre Dialog-Organisation DIALOG BASIS. Im Auftrag der Universität Stuttgart koordinierte sie in den Jahren 2013 bis 2016 die deutschen Aktivitäten in NanoDiode und führte im Rahmen dessen mit ihrem Team verschiedene Bürger-Veranstaltungen durch. (Foto: MLR / Gordon Gross)

Welche Rolle können Laien überhaupt in technischen und wissenschaftlichen Innovationsprozessen spielen?
Ziel von NanoDiode war es, Innovationsprozesse anders zu gestalten und gesellschaftlichen Anliegen so früh wie möglich einfließen zu lassen. Wir haben den Prozess auf den Kopf gestellt und die Menschen in einer ganz frühen Phase gefragt wie man innovative Materialien sinnvoll einsetzen könnte. Wir haben mit Unternehmen gearbeitet, die Nanomaterialien in Textilien, im Pharmabereich oder in dünnen Isoliermaterialien einsetzen und die Laien gefragt: „Was könnte daraus entsteht? Was wären wünschenswerte Produkte?“ Es war sehr spannend zu sehen, wie kreativ das lief und wie die Unternehmen Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Generelle Risikothemen, Bedenken und Ängste kamen sehr früh zur Sprache. Es wurden also nicht nur viele Anregungen für Produkte diskutiert, die Unternehmen konnten Sinn und Sicherheit sehr viel klarer adressieren und waren für die Kommunikation gut vorbereitet.

NanoDiode war in Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Norwegen, die Niederlande, Spanien und Polen aktiv. Der deutschsprachige Raum gilt ja im Allgemeinen als nano-skeptisch, Osteuropa dagegen als eher nano-euphorisch. Hat sich dieser Eindruck bestätigt?
Das Projekt-Konsortium war bewusst so zusammengestellt, dass wir alle Teile Europas vertreten hatten. So konnten wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen. In osteuropäischen Ländern gibt es eine große Technikbegeisterung, viel mehr als im deutschsprachigen Raum, im Norden Europas oder auch Frankreich. Ein großer Glücksfall war zum Beispiel, dass wir Polen als osteuropäischen Partner dabei hatten. Dort merkte man den Unterschied gerade in den Street-Formaten wie beispielsweise dem NanoBazar: Da war eine Riesen-Begeisterung, man konnte mit den Leuten überall auf der Straße richtig gut diskutieren.

Aber auch in Italien und Spanien erleben wir eine Aufbruchsstimmung: sehr offen, sehr innovativ, sehr kreativ gerade in den klein- und mittelständischen Unternehmen, die viel lebendiger sind als bei uns, wo die Nano-Debatte früher vor allem von den großen Unternehmen geführt wurde und jetzt eher ganz verstummt ist. Dort ist die Diskussion geprägt von vielen jungen Startups. Das sind zum Teil kleine Garagenfirmen, die was ganz neues machen und sehr viel Freude hatten an den modernen Formaten der "open innovation" haben.

"Wir haben den Prozess auf den Kopf gestellt und die Menschen in einer ganz frühen Phase gefragt wie man innovative Materialien sinnvoll einsetzen könnte." (Foto: MLR/Gordon Gross)

Wie kamen Sie mit den Menschen ins Gespräch, in welchem Rahmen wurden die Diskussionen geführt?
Wir haben in NanoDiode mit einer ganzen Reihe verschiedener Formate gearbeitet: NanoBazar, NanoSlam, NanoGallery, NanoTube, den User-Committees [Nutzerkomitees] und so weiter. NanoTube sind beispielsweise kleine Filme, etwa 2 bis 3 Minuten lang. Darin kommen zu den wichtigen Fragen immer ganz unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen Ländern zu Wort. Fragen wie "Was ist Nanotechnologie" oder "Was bedeutet der Umgang mit den Risiken der Nanotechnologien" werden so nicht wie im klassischen Erklärvideo von einem Experten beantwortet sondern als Collage aus den Antworten sehr vieler verschiedener Leute, neben Nano-Forschern auch Ethikern, Verbraucherschützern, Künstlern, Medienleuten mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln.

In den User-Committees wurde dagegen mit Bürgerinnen und Bürgern konkret anhand von den Anwendungsfeldern diskutiert, die in dem Land besonders im Zentrum stehen. Bei uns waren das beispielsweise Anwendungen in Textilien und Medizinprodukten, die Niederländer haben zu Wasser gearbeitet, in Italien lag das Interesse auf Nano-Silber. In jedem Land wurden dann Unternehmen angefragt und mit den Leuten diskutiert. Die Fragestellungen waren dabei immer die gleichen: "Was könnten sie sich für Anwendungen vorstellen, was inspiriert Sie?"

Was hat die Leute motiviert, sich mit dem diesem eher technischen Thema zu intensiv zu beschäftigen und sogar aktiv zu beteiligen?
Für die User-Comitees meldeten sich natürlich vor allem Leute an, die auch Zeit haben. Wir hatten tolle Diskussionen mit altersgemischten Gruppen von Studierenden bis hin zu pensionierten Ingenieuren. Außerdem sind wir erstmalig europaweit in den "aufsuchenden Dialog" gegangen. Wir sind also dort hin gegangen, wo die die Leute sowieso schon sind: In den Bahnhof, in die Fußgängerzone, ins Einkaufszentrum, in den Park und haben dort einen Pop-up-Store aufgebaut. In diesen Pop-up-Store wurden Informationsformate und Dialogformate gemischt. In einigen Ländern hatten wir tolle Diskussionen mit fiktiven Nano-Produkten, die uns Künstler entwickelt hatten. Es wurden also sehr kreative Formate getestet zwischen Information und Unterhaltung. Die Leute haben das vielfach genommen wie Straßenmusik, Dichterlesungen oder sowas: Wo man sich einfach unterhalten und bereichert fühlte, ohne den Druck, sich gezielt mit einem Thema auseinandersetzen zu müssen. Die Ideen und Anregungen der Laien waren großartig.

Ein besonderes Instrument war der europaweite Schülerwettbewerb, an dem sich junge Leute zwischen 14 und 25 Jahren beteiligen konnten. Sie sollten ihre Ideen für Nano-Innovationen einbringen. Wie gingen die jungen Leute an die Sache ran?
Sie waren hochkreativ und sehr alltagsnah. Es hat zum Beispiel ein junger Mann gewonnen, der als Babysitter arbeitet. Wenn er lange mit den Kindern unterwegs ist, sind Fläschchen oder Gläschen kalt. Er wollte "self heating materials" [sich selbst erwärmende Materialien] dafür einsetzen, solche Produkte ohne Strom, ohne Steckdose, ohne Kocher durch Schütteln wieder warm zu bekommen. Sehr einfach, sehr praxisnah. Mich hat auch die Idee einer Gruppe von Schülerinnen begeistert: Einige waren Muslima und kannten das Problem ihrer Mütter: Alle dürfen an einem Sommertag im Schwimmbad ins Wasser nur sie nicht. Die Mädchen wollten mit Nanotechnologie ein wasserabweisendes Material für Kleidungsstücke erschaffen, die im Wasser nicht nass werden und damit auch nicht auf der Haut kleben. Damit nämlich, könnten auch ihre Mütter ins Wasser gehen. Diese Mädchen haben auch einen Preis gewonnen und wurden vom Textilforschungsinstitut Denkendorf eingeladen, wo man ihnen zeigte, dass es solche Materialien tatsächlich schon gibt. Auch die Idee vergänglicher Tattoos hat mich begeistert, Skijacken mit Respondern, um Leute nach Lawinenunglücken schneller zu finden, eine Jacke, die Sonnenlicht in Strom umwandeln kann, damit man unterwegs das Handy aufladen kann. Das waren tolle Ideen, für die es eigentlich nur noch den Geldgeber braucht.

"Wir haben das Bedürfnis gesehen, gesellschaftlich sinnvolle Innovationen zu machen und Teil dessen zu werden. Sowas begeistert die Leute." Dr. Antje Grobe (DIALOG BASIS) im Gespräch mit Laura Gross (nanoportal-bw.de). Foto: MLR / Gordon Gross

Hatten Sie Mühe, unter den Unternehmen Gesprächspartner zu finden?
Nein, insbesondere die klein- und mittelständischen Unternehmen waren sehr offen für diesen innovationsbegleitenden Ansatz. Aus der Top-Secret-Phase der Patentierung ihrer Ideen waren sie schon raus, es ging ja darum, für eine bestimmte Innovation Anwendungsfelder zu finden. Sie haben sich über die Möglichkeit gefreut, gemeinsame Workshops mit potenziellen Anwendern zu machen. Für sie fällt die Bewertung von Chancen und Risiken deshalb nicht weg, man muss ja trotzdem dafür sorgen, dass die Materialien sicher sind. Aber zumindest kennen Sie dann die konkreten Bedürfnisse und können sich in der Kommunikation besser aufstellen.

Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen haben drei Jahre lang mit Menschen in Europa diskutiert. Gibt es etwas, das all diese Diskussionen verbindet?
Allen gemeinsam ist die Überraschung: "Ach, das kann man mit nano machen?!" oder "Ach, das hätte ich ja nicht gedacht, das ist ja cool!". Dass es möglich war, überall diese Begeisterung für Innovationen zu wecken, hat uns alle gefreut. Überraschend war auch die Freude der Menschen daran, etwas zu machen. Die Europäer stehen ja in dem Ruf, immer zu meckern. Das war in NanoDiode nicht der Fall, sondern es ging allen darum, weiter zu gehen und zu fragen: "Was ist es, was wir jetzt damit für die Zukunft machen können, was ist es, was wir gestalten wollen?"

Was wünschen sich die Europäer von Unternehmen oder von Politik?
Sie wünschen sich einen offenen Umgang mit Innovationen und sie wünschen sich sinnvolle Innovationen, die etwas mit gesellschaftlich wichtigen Themen zu tun haben: Klima, Umwelt, Gesundheit, soziale Nachhaltigkeit, Integration sind Stichworte, die wir oft gehört haben.

Innovationen gesellschaftlich zu begleiten, ist auch eine Herausforderung für die Unternehmen. Was können sie von NanoDiode lernen?
In einer sehr frühen Phase der Innovation gibt es ein Zeitfenster, in dem sich Unternehmen fragen, was sie mit einem neu entwickelten Material machen könnte: das "window of opportunity" [Fenster der Gelegenheit]. Sie suchen nach Marktanwendungen. In dieser Phase sind auch alle anderen, die an einem Innovationsprozess interessiert sind, Fachleute ebenso wie Bürger noch sehr offen und sehr kreativ. An diese Phase sollte man ran. Unternehmen sollten sich überlegen: "Wann bin ich noch offen für Anregungen, wann kann ich noch eine Risikobewertung durchführen lassen und möglicherweise den Weg ändern?"

Wir haben untersucht: Wie kommt man produktiv mit Laien ins Gespräch? Das ist keine Prüfung, kein Marketing-Tool. Man muss selbst offen dafür sein, etwas Neues zu machen. Das bedeutet allerdings auch für künftige Open-Innovation-Prozesse rechtlich zu klären: Wem gehört eigentlich die Idee, die in so einer offenen Diskussion unter mehreren Menschen entstanden ist? Das ist ein wichtiges innovationsbegleitendes Thema und nicht unproblematisch.

endete mit dem Jahr 2016. Alle Aktionen, die Ergebnisse des Schülerwettbewerbs sowie die Auswertung einer europaweiten Online-Befragung finden Sie weiterhin auf www.nanodiode.eu. Mehr über die Bürger-Veranstaltungen in Deutschland haben wir Ihnen auf www.nanoportal-bw.de zusammengestellt.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse von NanoDiode?
In NanoDiode ging es vor allem um die Kommunikations-Prozesse, mit denen sich Innovationen vorantreiben und begleiten lassen. Die Nanotechnologien waren dafür ein tolles Beispiel, weil man in so vielen Ländern an so vielen Materialien und Anwendungsbeispielen diskutieren konnte. Was man daraus ableiten kann, ist aber gar nicht allein auf Nano-Fragen bezogen sondern eignet sich für alle Technologie-Diskussionen.

Eine wichtige Erkenntnis ist, dass man es mit der richtigen Fragestellung und dem richtigen Rahmen schafft, Menschen in ganz Europa für ein Thema, für eine Diskussion zu begeistern. Unabhängig vom Land, vom Alter, von der grundsätzlichen Einstellung oder von der Schicht. Es geht offensichtlich vor allem darum, wie man mit den Menschen spricht. Wenn man einen Menschen danach fragt, wo er Risiken sieht, dann denkt er natürlich über Risiken nach – und hat schlechte Laune. Fragt man denselben Menschen danach, was man mit einer Technologie vielleicht machen könnte, kommt er auf Ideen und ist guter Dinge. Man kann so ganz anders über den Sinn von Innovationen, über Marktpotenziale und über die Art und Weise diskutieren, welche Produktinformationen benötigt werden.

Wir haben das Bedürfnis gesehen, gesellschaftlich sinnvolle Innovationen zu machen und Teil dessen zu werden. Das begeistert die Menschen.

Wir haben außerdem gelernt, dass aufsuchender Dialog funktioniert. Wir haben zum Beispiel die Idee des Pop-up-Stores auch für ganz andere Themen variiert und in unser Vorgehen übernommen. Das bringt übrigens auch den Experten etwas, die es sonst gewohnt sind, dass Menschen mit einem bestimmten, Anliegen zu ihnen kommen. Diese Werkzeuge eignen sich wunderbar dafür, gesellschaftliche Zukunftsthemen zu diskutieren.

Vielen Dank.

(Stand Dezember 2016)

Mehr über die NanoDiode-Veranstaltungen in Deutschland erfahren Sie hier.